Bolivien - Höhenkrankheit und Coca-Blätter

Um von Chile nach Argentinien - oder umgekehrt- zu gelangen müssen wir oft Andenpässe mit mehr als 4000m Höhenmeter befahren.

 

Obwohl der Luftdruck pro 1000 Höhenmeter jeweils um 10% sinkt und dadurch die Lunge weniger rasch Sauerstoff aufnehmen kann, haben wir solch rasche Aufstiege bis jetzt relativ leicht bewältigt – von leichtem Schwindel und Kurzatmigkeit einmal abgesehen.

 

Sobald wir jedoch 6 Std oder länger auf der neuen Höhe verweilen wollen/müssen, dann werden Kopfweh, Atemnot, Schlaf- und Verdauungsstörungen ernstzunehmende Probleme. Auch unsere ½ Std Altersturnen pro Tag verkommt in diesen Höhen in eine Stöhn- und Puste-Übung.

 

Ein langsamer Aufstieg (1000m pro Tag) mit anschliessender Angewöhnungszeit (2-3 Tage) sind die empfohlenen Verhaltensregeln um diesen Höhenkrankheits-Symptome vorzubeugen. In der Praxis sind diese Regeln jedoch kaum einzuhalten.

 

So ist es in Chile oder im Anden-nahen Argentinien nichts ungewöhnliches, dass in 1-2 Fahrstunden ein Aufstieg von über 2000 Höhenmetern bewältigt werden können.

Auf Rat der Einheimischen haben wir daher für den geplanten mehrtätigen Ausflug auf den Altiplano von Bolivien – zwischen 4300 und 5500müM - auf dem Bauern-Markt von San Pedro de Atacama/Chile einen Beutel Coca-Blätter und einige Lutsch-Bonbons aus Coca-Essenz gekauft. 

 

 

Auch für den Aufstieg und das Verbleiben auf diesen Höhen müssen wir eine Lösung finden.

  

Nach den ersten 1000 Höhenmetern – in diesem Fall bereits nach ½ Std Fahrzeit  - haben wir daher unser erstes Nachtlager auf einer Höhe von 3500müM aufgeschlagen.

 

Der Blick auf den Vulkan Licancabur und die Atacama -Wüste 1000m tiefer ist zwar überwältigend, Kopfweh und Atemnot machen sich jedoch bald bemerkbar. 

Mit einigen Coca-Blätter in der Backe oder einem Coca-Bonbon im Mund kann das Blut mehr Sauerstoff aufnehmen und die ungemütlichen Symptome verschwinden für eine gewisse Zeit. Sobald jedoch der Erstickungs-Reflex – ich kriege keine Luft mehr - dem leichten Schlummern ein Ende setzt, ist die nächste Portion Coca fällig. So überstehen wir diese erste Nacht unter Coca-Einfluss im Kurzintervall-Schlummern und sind am nächsten Morgen hundemüde.

 

Der Camper bringt uns in der nächsten ½ Std auf 4300müM, wo wir die Grenze nach Bolivien passieren. Unsere Fahrten auf dem Altiplano lassen uns mehrmals die 5000müM-Grenze überschreiten, die zweite Nacht verbringen wir aber auf 4400müM.

 

In dieser Nacht können wir bereits etwas längere Zeitabschnitte durchschlafen, Coca und Schlafen mit hochgelegtem Oberkörper sei Dank. Die Schlafqualität in den folgenden zwei Nächten ist aber weiterhin wechselhaft, ohne die Wirkung der Coca-Substanz wäre dies vermutlich jedoch noch schlimmer.

 

Die Coca-Blätter sind für die Bewohner dieser Höhenlager nicht wegzudenken. Obwohl die UNO den Coca-Blättern viele positive Eigenschaften zuschreibt und eine Sucht ausgeschlossen werden kann, ist das Gewächs leider mit einem grossen Makel behaftet.

Mittels eines komplizierten chemischen Prozesses kann nämlich aus den Coca-Blättern das Aufputschmittel Kokain gewonnen werden – die süchtig machende Droge der Getriebenen und Erfolgsverwöhnten.  Aus diesem Grunde ist in den meisten Ländern der Welt der Verkauf und der Besitz von Coca-haltigen Produkten verboten – ein Umstand, den man in einigen Südamerikanischen Ländern kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt.

 

Für uns ist jedoch nach einer Woche auf durchschnittlich 4500müM klar: Nimmt man sich die Zeit für die empfohlene  Akklimatisierung nicht, dann ist für die ersten 5 Nächte kaum mit einem erholsamen Schlafe zu rechnen – mit oder ohne Coca-Blätter.